Nachdem in diesem Thread ja bereits die Diskussion entfacht wurde betreffend wer sich wo was leisten kann, dazu ein paar meiner Eindrücke aus Santiago.
Was die Libretta heutzutage hergibt kann man nur noch als lächerlich bezeichnen. Ich habe meine Schwiegermutter gefragt, wie es denn genau aussieht. Auf die Libretta kriegt sie zur Zeit etwas Reis und Oel, das wars. Dazu hat sie nach 40 Jahren Arbeit beim Staat eine Rente von umgerechnet ein paar wenigen Euro. Das müsste eigentlich jedem klar sein, dass das nicht reicht zum Überleben. Dass sie dazu die ihr zustehenden Medikamente selten bis nie vom Staat erhält sondern auf dem Schwarzmarkt für Geld kaufen muss ist nochmals eine andere Geschichte.

Das Problem ist ja nicht, dass es Leute gibt die sich etwas leisten können solange sie es sich selber erarbeitet haben, das Problem ist, dass es zu viele Leute gibt die nicht genug zum überleben haben, da kann man nur von Staatsversagen sprechen.
Betteln ist weiter verbreitet als noch vor ein paar Jahren. Beim Grossteil der Bettler handelt es sich um ältere Personen. Bei diesen ist es ja durchaus verständlich, mit einer "leeren Libretta" und einer Rente von umgerechnet 5-10 Dollar, wenn da keine Verwandtschaft Geld schickt, dann sieht es düster aus. Was aber wirklich negativ auffällt, es hat auch zunehmend Kinder die versuchen zu betteln, teilweise durchaus aggresiv. Die Bettelei hat sicher noch nicht die Dimension wie in vielen anderen Lateinamerikanischen Ländern, ist aber auf gutem Weg dazu
Was mir auch zum ersten Mal in verstärktem Masse aufgefallen ist sind Leute die im Müll wühlen und nach etwas Verwertbaren gesucht haben.
Vielleicht wird auch mehr im Müll gewühlt weil mehr Müll herumliegt? Das wäre natürlich auch eine Erklärung. Es ist sicher nicht so, dass Santiago im Müll versinkt, andererseits passiert es öfters, dass Müll länger liegen bleibt als früher, bzw. als eigentlich erwünscht. Ich kann dies nur für Santa Barbara und für Vista Alegre einschätzen, wo ich öfters auf meinen teilweise ausgedehnten Spaziergängen unterwegs war. Innerhalb einer Stunde bin ich sicher an 3-4 Müllablagen entlang der Strasse vorbeigekommen, welche meist auch ein paar Tage später noch dort waren. An zwei Orten sah es auch aus, als wären dort noch Überbleibsel von Melissa "gelagert" und durch neueren Müll "angereichert und ergänzt". Bei uns ganz in der Nähe kam es auch schon vor, dass wenn der Müll mehrere Tage nicht abgeräumt wurde jemand den ganzen Haufen angezündet hat; über den Rauch und Gestank freute sich dann das ganze Quartier, oder eben auch nicht.
Wenn man sich aber nur ins Zentrum orientiert und nicht auch in den Quartieren unterwegs ist, dann kriegt man dieses Problem wohl gar nicht gross mit, d.h. es lässt sich mit etwas gutem oder schlechtem Willen verdrängen bzw. ausblenden.
Es gab ja hier im Forum in der Vergangenheit auch schon Diskussionen betreffend Verfügbarkeit von Medikamenten. Da dies für meine Schwiegermutter eine echte Herausforderung ist, habe ich mich ein bisschen auf Spurensuche gemacht. Weit musste ich ja für einen ersten Augenschein nicht, die Farmacia Clínica Internacional in Ferreiro ist ja gerade bei uns um die Ecke. Es war erschrecken festzustellen was es dort gab oder besser gesagt nicht gab.
Dafür kam alle 2 bis 3 Tage der "lokale Medikamentenverkäufer unseres Vertrauens" bei uns daheim vorbei und hat uns seine neuste Ware angeboten. Ich bezweifle allerdings, dass es sich bei ihm um einen Pharmazeuten bzw. Apotheker gehandelt hat, aber was solls. Er hatte auch nicht immer dieselbe Auswahl und pries dann speziell seine Raritäten an. Er hatte sowohl rezeptpflichtige wie frei erhältliche Medikamente in seinem Bauchladen, bzw. seiner Umhängetasche, der Schwerpunkt lag nach meiner Einschätzung aber bei den Rezeptpflichtigen. Einmal wollte er mir unbedingt Antibiotika in Tablettenform andrehen, was ich für fragwürdig halte so wegen falscher Einnahme und "züchten" von Resistenzen.
Über seine Bezugsquelle wollte er keine Auskunft geben, kann ich aber nachvollziehen. Es war daher für uns nicht wirklich ersichtlich ob es sich hier um einen "Parallelimport" von Medikamenten aus dem Ausland handelt oder ob es Ware war die in Kuba "irgendwo von der Verladerampe rutschte" und damit für die offiziellen Kanäle verloren ging.
Ich habe denn auch im Gespräch mit Kubanern die hier im Forum beschriebene Medikamentenkontrolle erwähnt:
Wirtschaftskrieg gegen Kranke
Als freundlichste Reaktion löste dies ein Kopfschütteln aus. Die weiteren Kommentare waren dann sinngemäss zwischen "unnütz" und "die stecken alle unter einer Decke".